Sivesgaard "Unorthodox"

  • N’Abend zusammen!


    Wer sich regelmäßig mit dem durch die Bank empfehlenswerten Stuttgarter Label Parquet Recordings beschäftigt, welches mit seinen Veröffentlichungen einen breiten Bereich zwischen atmosphärischen Techno-Stücken, elegant groovendem Techhouse oder düsterem Progressive House abdeckt, dem dürfte sicherlich auch der Name Sivesgaard schon einmal über den Weg gelaufen sein. Allen anderen sei an dieser Stelle nahegelegt, dass sich hinter dem skandinavisch anmutenden Namen der dänische Produzent Jacob Sivesgaard steckt, welcher zwar (noch) keine allzu ausladende Diskographie aufweisen kann, mit dem vor zwei Jahren erschienen Vitek sowie dem im April veröffentlichten Nachfolger Unorthodox jedoch einen für meinen Geschmack mehr als gelungenen Grundstein gelegt hat, um in nicht allzu ferner Zukunft aus seinem Nischendasein bzw. seinem Status als Geheimtipp herausgelöst zu werden. Dafür spricht allein schon sein traumwandlerisch anmutender Umgang mit minimalistischen Melodieextrakten, welcher beim hiesigen Track einmal mehr zu Tage tritt. Vorhang auf!


    Nur wenige Sekundenbruchteile vergehen, dann wird die geneigte Hörerschaft im Original Mix bereits mit interessanten Unterwassereffekten konfrontiert, welche auf dem reduzierten Untergrund zwar in wunderbar dezenter Manier ihre mystischen Runden ziehen, dennoch zunächst noch dominant genug auftreten, um eine im Hintergrund herannahende Basslinewande groovendster Bauart in Schach zu halten. Ist letztere dann nicht mehr vom verdienten Siegeszug innerhalb des Drummings abzuhalten, legen auch die nautischen Melodiespritzer an Intensität und Vielseitigkeit zu, sodass sich mehr und mehr ein kontrastreiches Zusammenspiel zwischen den beiden Ebenen etabliert, bei dem sowohl die nötige Portion Druck als auch eine Dosis des gewissen sphärischen Etwas nicht zu kurz kommen. Die Verdichtung der Melodieebene ist zu diesem Zeitpunkt trotzdem noch einige Stufen von der Ausschöpfung ihres Potenzials entfernt, mit mehreren stakkatierten Synthietonfolgen sowie zunehmender Verschnörkelung der bisherigen Melodiefragmente ist das Ganze im weiteren Verlauf allerdings auf einem guten Wege dorthin. Nicht vergessen werden darf in diesem Zusammenhang zudem der Einsatz unaufgeregter Subbässe sowie immer mal wieder aufbegehrender Knarzandeutungen, welche den Untergrund noch etwas geschmeidiger grooven und die leicht melancholisch zu charakterisierende Atmosphäre zu wahrhaft subtiler Schönheit anwachsen lassen. Die progressive Vielfalt der Melodiestücke scheint mittlerweile zwar nicht mehr abzureißen, in Richtung des letzten Drittels findet dennoch peu à peu eine Verlagerung der Toneffekte in den Hintergrund statt, sodass sich nun die Bassline deutlicher nach vorn spielen und von ihrer Affinität für knarzige Instrumentierungen künden kann. Abgerundet wird der Track schließlich durch auftauchende, flächige Alternativmelodielinien, welche langsam aber sicher ein sphärisches Outro heraufbeschwören und überdurchschnittliche 5,25/6 in Empfang nehmen. :yes:


    Wesentlich housiger geht im Anschluss dann der Oliver Schories Remix zu Werke und lässt zunächst wenig von der minimalistischen Eleganz des Originals übrig. Vielmehr versteht es der Produzent aus Norddeutschland, ein unerhört groovig stampfendes Drumming vom Stapel zu lassen, welches – alsbald mit unaufgeregten Rhodes-Piano-Klängen verziert – mit entspannter Miene seine Kreise zieht und im weiteren Verlauf auch um weitere Ingredienzen eines typischen Housetracks (bis aufs Skelett geschredderte Vocalfetzen, weitere verspielte Pianoeinwürfe sowie ein permanent zwielichtig auftretendes Untergrundsirren) keinen Bogen macht. In dieses schlüssig wirkende Gemisch schleichen sich vor dem anstehenden Break sogar noch einige Melodietöne aus dem Original, bevor in der Drummingunterbrechung zunächst die leicht grummelnd agierende Bassline ihr Innerstes nach außen kehren und anschließend in gelungener Manier majestätisch heranschwebende Streicher, welche in dieser Form auch in einem Track von Solomun auftauchen könnten, unterstützen darf. Trotz der Unnahbarkeit der neu hinzugekommenen Melodieelemente ist die sphärische Komponente in der Lage, in Kooperation mit den bekannten Pianotönen und Vocaleffekten eine gute Schüppe an Intensität hinzuzugewinnen, was sich insbesondere auch zusammen mit dem im Folgenden deutlicher nach vorn ausgerichteten Untergrund inklusive Originalknarz zeigt. Weitere alternative Melodiefragmente sowie ein leicht verzweifelt zerhackstückelter Vocalfetzen entpuppen sich schließlich als letzter Beweis für die Ebenbürtigkeit der hiesigen Überarbeitung mit dem Original, sodass ich summa summarum um nicht weniger als 5,25/6 herumkomme. :D


    Deutlich experimenteller geht es zum Abschluss im Ricardo Tobar Remix zugange, in welchem ebenfalls nicht mehr allzu viele Assoziationen mit dem Original möglich sind und die vorherrschende, überaus verspielte Klangästhetik zudem mit einigen unerwarteten 90er-Drum&Bass-Partien versetzt wird. Davon ist zu Beginn zwar nur wenig zu hören, das Drumming präsentiert sich jedoch bereits hier als interessant klöppelnde Untermalung fragmentierter Klangflächen. Repetitiv und progressiv setzen sich letztere dabei Schicht um Schicht zusammen, ehe nach einem ersten Kurzbreak die aus dem Original bekannte Bassline zitiert wird, hier jedoch immer wieder in spielerischer Manier aus ihrer nach vorn ausgerichteten Fortbewegungsart flüchtet. Die Melodieebene dagegen hat sich mittlerweile zu einem wahren Ton- und Effektdschungel entwickelt, in der allerhand Melodieschlieren durch den Raum geistern und von Zeit zu Zeit sogar einige bekannte Strukturen durchscheinen lassen. Unbeeindruckt zeigt sie sich auch von den sporadischen Verwandlungen des Drummings in ein retrobehaftetes Drum&Bass-Geläuf, sodass sich vielmehr währenddessen noch der Eindruck eines undurchdringbaren Melodiegeflechts, welches von oben betrachtet dennoch in sphärischer Hinsicht Sinn ergibt, verstärkt. Mit seinen aberwitzigen Windungen und Ausflügen steht die Trackdichte dabei zwar ununterbrochen unter Strom, könnte beim „Hörgenuss“ in einem ungeeigneten Moment jedoch auch als recht nervig empfunden werden. Meines Erachtens kommt dieser überladene Remix dadurch insgesamt gesehen nicht an die Qualität seiner beiden Vorgänger heran, muss sich mit seinen gesunden 4,75/6 jedoch keinesfalls verstecken… ;)



    Greetz,
    :: der hammer ::